die tageszeitung, 3. 9. 90

.. . In der Tat, das Unternehmen "Bismarck, Preußen, Deutschland und Europa" scheint angriffsicher hochgehängt. "Bismarck gleichsam in das 19. Jahrhundert zurückzuführen, in eine Epoche also, die von ihren Bedingungen, in ihren Zwängen und Verflechtungen selbst dem Geschicktesten und Einflußreichsten nur einen relativ begrenzten Spielraum ließ, ist eines der Ziele dieser Ausstellung. Ein anderes ist, jene Bedingungen, Zwänge und Verflechtungen selbst in den Mittelpunkt zu rücken und die Person und ihr Wirken aus ihnen zu erhellen und umgekehrt im Spiegel des Lebensweges dieser einen Person das Übergreifende sichtbar werden zu lassen", schreibt der Historiker Gall.
Wer wollte da Einspruch erheben? Haben wir nicht in kluger dialektischer Aufklärungstradition gelernt, daß sich Geschichte nur in eben dieser Perspektivenbrechung wechselseitiger Abhängigkeitsrückkopplungen erhellen läßt? Und so haben wir durchaus auch Verständnis für die biographische Hilfskonstruktion des "großen einzelnen" als Tribut an uns, das konkretionssüchtige Publikum.
Auch wenn die Wirkung von Ausstellungen immer vor allem auf ihren optischen Materialträgern beruht, so sind diese, zumal im Falle einer historischen Ausstellung, notwendig auf sprachliche Vermittlung angewiesen. Oder, um es noch schärfer zu formulieren: Erst in ihrer sprachlichen Formulierung, im Prozeß des Erzähltwerdens, erhalten amorphe Ereignisse ihre Form, wird aus ungebundenem Realitätsmaterial Geschichte. Geschichte liegt in den Händen und damit in der Macht ihrer Definierer. Nicht "Bismarck, Preußen, Deutschland und Europa" selber sprechen, beziehungsweise die zur visuellen Verfügung gestellten 1.100 Ausstellungsobjekte; es spricht auch nur bedingt deren Arrangement; vor allem sprechen die Erklärer dessen, was zu sehen ist; indem sie vor aller Didaktik anweisen, wie geschaut werden muß...

Christel Dormagen