Forschungsstand

Die Kunstgeschichte war sich von 1945 bis heute weitgehend einig in dem Urteil, der Künstler habe in seinen Kriegsbildern die "apokalyptische Trostlosigkeit" zeigen wollen. Repräsentativ für die Phase nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Einschätzung des Kunsthistorikers und Freundes von Radziwill, Wilhelm Niemeyers, der 1955 im "Grab im Niemandsland" eine erschütternde Anklage gegen den Krieg und ein "weltgroße(s) Sinnbild unseres (des deutschen, K. A.) Schicksals" sah.3 Weniger pathetisch, aber in der Deutung ähnlich ist die Mitte der neunziger Jahre geäußerte Ansicht des Berliner Kunsthistorikers Roland März. Radziwill habe "leidenschaftslos ›Passionsbilder der Erde‹ und Denkmäler des Krieges ohne Tendenz"4 gemalt. Diese Urteile geben die gegenwärtig vorherrschende Ansicht wieder.

Es gibt einige Lücken in der Forschung zu den Kriegsbildern und der Biographie des Künstlers. So wird nicht ausführlicher auf den Umstand eingegangen, daß Radziwill das "Grab im Niemandsland" erst 1934 malte, also fünf Jahre nachdem er zum erstenmal in den Gemälden "Der Unterstand am Naroczsee" (1929) und "Das Schlachtfeld von Cambrai, 1917" (1930) die Kriegsthematik aufgriff. Sein Interesse für das Thema fiel genau in die Zeit der Weltwirtschaftskrise von 1929, seiner zunehmenden Distanzierung von sozialistisch eingestellten Freunden und Kollegen und seiner Hinwendung zu national-konservativen Kreisen und der Kriegsmarine in Wilhelmshaven. Bis vor kurzem hatten auch Radziwills republikfeindliche Haltung und seine Abwendung von der ungefestigten Demokratie im Jahre 1923 wegen der katastrophalen wirtschaftlichen Situation und seine Hoffnung auf einen erfolgreichen Putsch von rechts wenig Beachtung gefunden.8 "Mit der größten Freude würde ich es begrüßen, wenn wir zu einer Diktatur kommen würden, denn im Augenblick erscheint Deutschland mir wie ein großes Loch, aus dem man einen schon stark verwesten Leichnam genommen hat, um diesen nochmal zu sezieren, um ihn dann voll der Erde zu übergeben mit einem abgeschlossenen Urteil."9 Seine Sympathie für den rechtsextremen politischen Rand in dieser Periode mag auch familiäre Gründe gehabt haben. Einer seiner Brüder diente in einem paramilitärischen Freikorps und kam bei einem Attentat auf seinen Vorgesetzten in Düsseldorf als dessen Fahrer ums Leben.10 Aber auch des Künstlers romantische Hinwendung zum Landleben durch seinen Umzug nach Dangast, einem Fischerdorf und Badeort in der Nähe Wilhelmshavens an der Nordseeküste, wo schon die Künstler der Gruppe Die Brücke gemalt hatten, wurde in der Literatur kaum untersucht. Radziwill vollzog mit dieser Flucht aus der Stadt einen Schritt nach, den vor ihm schon die anderen Künstlergemeinschaften im ausgehenden 19. Jahrhundert gemacht hatten. Mit den norddeutschen Worpsweder Künstlern war Radziwill persönlich bekannt. Sie hatte er vor dem Krieg kennengelernt. Deren Suche nach dem "nordischen", "mystisch-mythischen" Licht dürfte ihm vertraut gewesen sein. Auch für ihn hatte das Licht der Nordseeküste eine besondere Bedeutung. In der Entscheidung, das Land der Stadt vorzuziehen, spiegelt sich ohne Zweifel Radziwills zivilisationskritische Haltung wider, die er in den zwanziger Jahren einnahm. Sie war gekennzeichnet von der Betonung des "Heimatlichen" und fand in den Sujets seiner Malerei (Stilleben, Landschaft) und der Hinwendung zur altmeisterlichen Technik ab Mitte der zwanziger Jahre ihren sichtbaren Niederschlag.