
Waffen, Geschichte und Kultur: Die faszinierende Sammlung von Hubert Willkomm
Eine Schenkung an das Deutsche Historische Museum
12. Februar 2025 | Dr. Sven Lüken, David Schwalbe
Im Rahmen der Blogserie zur Arbeit der Sammlungen im Deutschen Historischen Museum geht es um zentrale Punkte wie den Entscheidungen für oder gegen die Aufnahme von Objekten, um die unterschiedlichen Wege der Zugänge, die sich ändernden Forschungsfragen an die Sammlungen, an die Erforschung der Herkunft der Objekte und viele weitere Aspekte.
Die Sammlung der Militaria im Deutschen Historischen Museum ist eng mit der Geschichte des Zeughauses verbunden. Die Sammlung bildet den Kern der Bestände und wird noch immer weiterentwickelt und bereichert – so durch eine private Schenkung, die außergewöhnliche Objekte birgt. Dr. Sven Lüken, Sammlungsleiter der Militaria-Sammlung, und David Schwalbe, Projektassistent für die neue Ständige Ausstellung, erzählen von dem Neuzugang.
Die Sammlung „Militaria“ des Deutschen Historischen Museums – Eine wechselvolle Geschichte
Die Sammlung „Militaria: Waffen, Rüstungen und militärisches Gerät“ des Deutschen Historischen Museums kann auf eine lange, bewegte Geschichte zurückblicken. Heute umfasst sie nahezu 30.000 Objekte, wobei sie vor den Verlusten des Zweiten Weltkriegs noch deutlich größer war. Ihre Wurzeln sind eng mit der Geschichte des Berliner Zeughauses verknüpft. Ursprünglich um 1700 als repräsentatives Gebäude an zentraler Stelle der Residenz errichtet, diente das Zeughaus zunächst als Waffenlager für die preußische Armee. Doch schon von Beginn an wurden hier nicht nur aktuelle Bewaffnung, sondern auch Kriegsbeute, technische Besonderheiten und Kuriositäten aufbewahrt – als Erinnerungsstücke erfolgreicher Feldzüge.
Ein entscheidender Moment in der Geschichte der Sammlung war das Jahr 1815, als nach den siegreichen Befreiungskriegen viele Objekte aus Paris nach Berlin gebracht wurden. Diese Stücke sollten als Anschauungsmaterial für die preußische Armee dienen, die in der militärischen Entwicklung hinter den französischen Streitkräften zurückstand. Der preußische Architekt Karl Friedrich Schinkel entwarf daraufhin Pläne für eine halböffentliche Schausammlung, die dem Offizierskorps zu bestimmten Zeiten zugänglich war und zur Ausbildung des preußischen Militärs beitrug. Trotzdem blieb das Zeughaus in erster Linie eine militärische Behörde und spielte weiterhin eine zentrale Rolle in der Ausrüstung der preußischen Armee.
Nach den siegreichen Kriegen von 1864, 1866 und 1871, die zur Gründung des Deutschen Kaiserreichs führten, beschloss man, das Zeughaus in eine Ruhmeshalle der preußischen Armee umzuwandeln. Es wurde zu einem Heeres- und Waffenmuseum, das sowohl preußische als auch gegnerische Waffen präsentierte und die als ruhmreich empfundene Vergangenheit in den Vordergrund rückte. 1883 erlangte das Museum durch den Erwerb der privaten Waffensammlung des Prinzen Carl von Preußen schlagartig europäische Bedeutung und wurde zu einer zentralen Institution, die sich mit den großen Militärmuseen in London, Paris und Wien messen konnte. Fortan fungierte das Zeughaus auch als Ort für Schenkungen preußischer Militärfamilien, die ihre Nachlässe der Sammlung überließen.
Nach dem Ersten Weltkrieg veränderte sich die Funktion des Zeughauses erneut. Es wurde zu einer historischen Waffensammlung der Berliner Museen und nahm einen zivileren Charakter an. Während der NS-Zeit missbrauchte das Regime die Sammlung, um seine aggressive Kriegspolitik zu rechtfertigen. Nach 1945 setzte die sowjetische Siegermacht ein Zeichen der Vernichtung des deutschen Militarismus, indem sie etwa ein Drittel der Sammlung zerstörte und ein weiteres Drittel nach Moskau und Warschau brachte. Ein Teil der verbliebenen Objekte kehrte 1958 nach Berlin zurück und wurde fortan im 1952 eröffneten Museum für Deutsche Geschichte der DDR aufbewahrt, das diese Objekte zur Darstellung militärhistorischer Kapitel nutzte.
Nach der Wiedervereinigung 1990, bei der die Sammlungen des Museums für Deutsche Geschichte in den Besitz des 1987 in West-Berlin gegründeten Deutschen Historischen Museums übergingen, stellte sich erneut die Frage, welchen Platz die ursprüngliche Zeughaussammlung künftig einnehmen würde. Seither findet sie ihren Ort sowohl in Ausstellungen zu militärischen Konflikten als auch in der Dokumentation der Waffen, die von deutschen Streitkräften im Laufe der Geschichte genutzt wurden. Hinzu kommen neue thematische Schwerpunkte wie die Jagd- und Gewaltgeschichte.
Ein zentrales Element der Sammlung war und ist die Unterstützung durch private Stiftungen. Diese Tradition setzt sich auch heute fort, wie das Beispiel der Sammlung von Hubert Willkomm (1956-2020) zeigt.
Hubert Willkomm: Ein leidenschaftlicher Sammler und Mäzen
Hubert Willkomm, ein Bonner Bürger, war beruflich in der Wirtschaft und der Informationstechnologie tätig, widmete sich jedoch mit großer Leidenschaft der Jagd und der Jagdgeschichte. Als langjähriges Mitglied der Bonner Jägerschaft engagierte er sich besonders in der Ausbildung und Förderung des jagdlichen Nachwuchses. So überrascht es nicht, dass Willkomm im Laufe der Zeit auch begann, eine beeindruckende Waffensammlung aufzubauen. Seine Sammlung umfasste zunächst historische Jagdwaffen, wuchs dann aber zu einer klassischen Sammlung von Waffen aus dem Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert heran. Willkomms Leidenschaft und Hingabe zeigen sich nicht nur in der sorgfältigen Dokumentation seiner Sammlung, sondern auch in den erheblichen persönlichen Kosten, die er für deren Aufbau aufbrachte.
Vor seinem Tod vermachte er seine wertvolle Sammlung von 150 Büchern dem Kunsthistorischen Institut der Universität Bonn. Leider blieb für die Sicherung seiner umfangreichen Waffensammlung keine Zeit mehr. Es bedurfte einer vertrauenswürdigen Institution, die bereit war, dieses Erbe anzutreten und die Sammlung zu integrieren. Daher war es Aufgabe der Rechtsanwältin, eine geeignete Unterbringung für die Waffensammlung zu finden. Bei ihrer Recherche stieß sie auf die Online-Präsentation des Deutschen Historischen Museums und erkannte, wie gut die Sammlung Willkomms in den Bestand des Hauses integriert werden könnte und nahm Kontakt zum Museum auf.
Eine wertvolle Ergänzung für die Sammlung des Deutschen Historischen Museums
Das Deutsche Historische Museum entschied sich, die Waffensammlung Hubert Willkomms zu übernehmen, da sie sich hervorragend in die bestehende Sammlung integrieren ließ und diese sowohl hinsichtlich ihrer historischen Tiefe als auch thematischen Breite erweitert. Diese faszinierende Sammlung von Waffen, sowohl europäischer als auch außereuropäischer Herkunft, ergänzt die bestehenden Bestände des Deutschen Historischen Museums auf herausragende Weise. Sie erlaubt es, die globale Entwicklung von Waffentechnologie und Militärkultur nachzuvollziehen und diese beispielsweise in Sonderausstellungen zu thematisieren.
Unter den insgesamt 54 Objekten aus dem Zeitraum von 1480 bis 1945 stechen einige der außereuropäischen Waffen besonders hervor und faszinieren durch ihre Geschichte(n) und ihren kulturellen Kontext:

Der tibetanische Dughti (W 2021/ 62) ist ein Dolch, der als kulturelles Symbol diente. Mit seiner breiten Klinge ist der Dughti für den Nahkampf konzipiert und spiegelt die kriegerische Tradition Tibets wider. Traditionell wird er nicht nur zur Selbstverteidigung eingesetzt, sondern spielt auch eine bedeutende Rolle in rituellen Zeremonien, wo er die Verbindung von spiritueller und kriegerischer Macht symbolisiert.

Ein weiterer beeindruckender Gegenstand ist der Kindschal (W 2021/50), ein Dolch aus dem Kaukasus. Diese Waffe, die typischerweise von zentralasiatischen Reiterstämmen, u.a. den Tscherkessen getragen wurde, war nicht nur ein Werkzeug im Kampf, sondern auch ein Zeichen von Status und Ehre. Die kunstvolle Verarbeitung der Klinge machte den Kindschal oft zu einem Prestigeobjekt.

Ähnlich bedeutend ist der Kosakensäbel (W 2021/52), eine klassische Waffe der Kosaken. Mit seiner leicht gekrümmten Klinge war er perfekt für schnelle Hieb- und Stichmanöver vom Pferd aus geeignet. Diese Waffen verkörperten die kriegerische Tradition und die außergewöhnlichen Reitkünste der Kosaken, die als unermüdliche Kämpfer in der osteuropäischen Geschichte gelten.

Das Shin Gunto (W 2021/45), ein modernes Militärschwert der japanischen Armee aus dem Zweiten Weltkrieg, steht für Funktionalität und Pragmatismus. Mit seiner kürzeren Klinge und dem schlichten Design unterscheidet es sich deutlich von den kunstvoll verzierten Samurai-Schwertern und spiegelt die militärische Notwendigkeit der Zeit wider.

Neben diesen außereuropäischen Waffen verdeutlichen europäische Stücke wie Hirschfänger und Steinschlossbüchse die enge Verbindung zwischen Jagd, Waffentechnik und Handwerkskunst. Der Hirschfänger (W 2021/25), ein langes Jagdmesser, wurde traditionell vor allem im deutschsprachigen Raum zur Jagd auf Hochwild eingesetzt – hier jedoch ein speziell gefertigtes Messer eines Deutschmeister-Schützen des k.u.k. Infanterieregiments „Hoch- und Deutschmeister” Nr. 4 – während die Steinschlossbüchse (W 2021/36), eine historische Vorderladerwaffe, den technologischen Fortschritt im Bereich der Feuerwaffen symbolisiert.

Die Sammlung als Brücke zur Geschichte und zur Welt
Die Waffensammlung Hubert Willkomms stellt nicht nur eine wertvolle Erweiterung der Bestände des Deutschen Historischen Museums dar, sondern schafft auch eine greifbare Verbindung zwischen verschiedenen Kulturen und Epochen. Jedes Objekt erzählt seine eigene Geschichte – von Jagd und Krieg in Europa bis hin zu den faszinierenden Traditionen Asiens. Diese Stücke zeugen von Handwerkskunst, technologischem Fortschritt und den vielfältigen Wegen, auf denen sich Menschen in unterschiedlichen Zeiten und Regionen verteidigten oder ihre Macht ausübten.
Besonders die außereuropäischen Waffen bereichern die Sammlung in mehrerlei Hinsicht. Einerseits ermöglichen sie einen Einblick in die globale Vernetzung und den Austausch von Militärtechniken und kulturellen Einflüssen. Sie helfen, die Wechselwirkungen zwischen Europa und anderen Weltregionen durch Handel, Diplomatie oder Konflikte nachzuvollziehen. Andererseits eröffnen sie wertvolle Perspektiven für die vergleichende Kulturgeschichte, da diese Waffen nicht nur als Werkzeuge des Krieges, sondern auch als Symbole gesellschaftlicher Stellung, Macht und Identität fungierten. Die Erforschung zu den ursprünglichen Eigentümern, zu ihrem originären Herstellungs- und Gebrauchskontexten steht dabei im Fokus. Dies erlaubt es, Parallelen und Unterschiede zwischen europäischen und außereuropäischen Gesellschaften sichtbar zu machen. Außerdem dokumentieren diese Objekte die technologischen Innovationen, die in unterschiedlichen Regionen unabhängig voneinander oder durch wechselseitige Beeinflussung entstanden sind, und eröffnen so ein breites Feld für die Erforschung von Handwerk und Ingenieurskunst im globalen Vergleich.
Durch diese vielseitigen Perspektiven ermöglicht die Sammlung eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, nicht nur aus europäischer Sicht, sondern im globalen Kontext. So bleibt das Deutsche Historische Museum ein Ort des Entdeckens und Staunens, wo Objekte nicht nur ausgestellt, sondern im Kontext ihrer kulturellen und technologischen Bedeutung erforscht werden können – sowohl in europäischer als auch in globaler Perspektive.

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Dr. Sven LükenDr. Sven Lüken ist Sammlungsleiter Militaria am Deutschen Historischen Museum. |
David SchwalbeDavid Schwalbe ist Projektassistent für die neue Ständige Ausstellung am Deutschen Historischen Museum. |
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