Solidarität im Exil

Fred Steins Fotografien von Flüchtlingskindern des Spanischen Bürgerkriegs

Lili Reyels | 14. Juni 2021

Seit 2001 wird der Weltflüchtlingstag jedes Jahr am 20. Juni begangen. In diesem Jahr fällt der 20. Juni auf den letzten Ausstellungstag unserer Ausstellung „Report from Exile – Fotografien von Fred Stein“. Dr. Lili Reyels, Sammlungsleiterin Finanz- und Wirtschaftsgeschichte, beleuchtet, wie Frankreich während des Spanischen Bürgerkriegs zahlreiche spanische Flüchtlingskinder mit finanzieller Unterstützung der spanischen Republik und baskischen Regierung sowie einiger internationaler Hilfsorganisationen aufnahm. Fred Stein, selbst aus Deutschland geflüchtet, porträtierte die Kinder im Auftrag der spanischen Regierung, um Geld und Unterstützung für die Betreuung der Kinder zu sichern.

Der Spanische Bürgerkrieg wurde von Juli 1936 bis April 1939 zwischen der demokratisch gewählten Regierung der Zweiten Spanischen Republik und den rechtsgerichteten Putschisten unter General Francisco Franco ausgetragen. Vor allem durch die militärische Intervention der faschistischen bzw. nationalsozialistischen Verbündeten aus Italien und Deutschland hatte der Konflikt bald eine internationale Dimension – er wurde zur Propagandaplattform der Ideologien. Besonders die Zivilbevölkerung litt enorm unter den Kampfhandlungen.

Zum Schutz vor Kriegshandlungen und Bombenangriffen wurden Tausende spanische Kinder vorübergehend außer Landes geschickt. Aufnehmende Länder waren u.a. Russland, Belgien und Großbritannien, vor allem aber auch Frankreich.

Junge mit Barrett, Ville de Valence, Valence, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Junge mit Barrett, Ville de Valence, Valence, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Die spanischen Flüchtlingskinder in Frankreich

Die französische Volksfrontregierung unter Léon Blum strebte eine weitmögliche Neutralität im spanischen Bürgerkrieg an. Vor dem Hintergrund der enormen innenpolitischen Zerrissenheit Frankreichs erschien 1936 die humanitäre Hilfe durch Aufnahme der spanischen Flüchtlingskinder ein durchführbares französisches Engagement in diesem Konflikt.

In Frankreich wurden die Kinder in über hundert Sammelunterkünften und teilweise bei Pflegefamilien untergebracht. Die spanische Republik und die baskische Regierung übermittelten Geld nach Frankreich für die Unterbringung der Flüchtlingskinder. Christliche Gruppen und verschiedene internationale Hilfsorganisationen engagierten sich in einer Welle der Solidarität.

Besuch vom Office International pour l’Enfance, Chartres, 1939 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Besuch vom Office International pour l’Enfance, Chartres, 1939 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Besonders erfolgreich war die CGT, die Confederation generale du travail (dt. Allgemeiner Gewerkschaftsbund), die das CAEE (Comité d’Accueil aux Enfants d’Espagne – dt. Empfangskomittee für die Kinder aus Spanien) finanzierte und die Verteilung der Kinder auf die Unterkünfte organisierte. Die Kinder wurden in ihrer Muttersprache beschult. Allein während des ersten Jahres der Evakuierung hatte das CAEE 3,5 Mio Francs für die Versorgung der Flüchtlingskinder eingeworben.

Tor, Ville de Valence, Valence, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Tor, Ville de Valence, Valence, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Geometrie-Übung, Ville de Valence, Valence, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Geometrie-Übung, Ville de Valence, Valence, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Fred Steins Auftrag

Stein fotografierte 1938 und 1939 zahlreiche Flüchtlingskinder des spanischen Bürgerkriegs im Auftrag der spanischen Regierung, um Geld und Unterstützung für die Betreuung der Kinder zu sichern. Seine Aufnahmen stammen u.a. aus dem Lazarett von Bayonne, dem Château de la Brosse, einem Flüchtlingslager in der Stadt Colombes im Departement Cher, und einer Flüchtlingsunterkunft in Valence.

Der Fotograf, der damals in Paris lebte, führte auf diese Weise sein antifaschistisches Engagement weiter; die Solidarität mit den Opfern im Exil (er war ja selbst eins!) konnte er so mit professioneller Profilierung und einem finanziellen Einkommen verbinden.

Wer genau die Kinder auf seinen Fotos waren, lässt sich kaum noch ermitteln. Wir wissen auch nicht sicher, ob diese Fotos damals veröffentlicht wurden. Bis auf eine Ausnahme: Das Foto des blonden Mädchens mit der Milchkaffeeschale erschien im Juli 1939 auf dem Cover von Lørdagskvelden, der Wochenzeitung von Arbeiderbladet – wahrscheinlich vermittelt durch Willy Brandt, der als Journalist für diese Zeitung arbeitete.

Flüchtlingskind, Château de la Brosse, Colombes, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Flüchtlingskind, Château de la Brosse, Colombes, 1938 © Fred Stein Archive, Stanfordville, NY

Durch Fred Steins Fotografien erhielten die Kinder als Opfergruppe eines neuartigen modernen Vernichtungskrieges im 20. Jahrhundert mit flächendeckenden Bombardements ein konkretes Gesicht. Als eine der ersten humanitären Hilfsaktionen im 20. Jahrhundert sollten die Kindertransporte zahlreiche spätere Nachfolger finden.

Sekundärliteratur

Atanassow, Alexander (Hg): Fred Stein. Kinder – Children, 2019

Lagarreta, Dorothy: The Guernica Generation – Basque Refugee Children of the Spanish Civil War (1984)