Liberté, Égalité, Révolution! – Die Rolle von politischer Freiheit im 18. Jahrhundert

Harriet Merrow | 26. Februar 2025

Die Epoche der Aufklärung hat viele Gesichter: Neben experimentell-wissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Umbrüchen, die zu einer neuen bürgerlichen Öffentlichkeit beitrugen, mündete sie auch mit Forderungen nach Gleichheit und Freiheit im „Zeitalter der Revolutionen“. Harriet Merrow, Projektassistentin der Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“, erläutert die Zusammenhänge anhand von Freiheitskämpfen innerhalb eines zunehmend komplexen, geopolitischen Machtgefüges.

Der Illustrator der Aufklärung schlechthin, Daniel Nikolaus Chodowiecki, zeigt eine idyllische Landschaft mit aufgehender Sonne, die den frühmorgendlichen Nebel vertreibt. Seine 1792 veröffentlichte allegorische Radierung „Aufklärung“ stellt die meteorologische Metapher für das „Licht der Vernunft“ dar, die weite Verbreitung fand und nicht umsonst das erste Exponat in der Sonderausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert“ ist. Es handelt sich um einen unter vielen Beiträgen zur klugen Selbstinszenierung der Aufklärer*innen, die es mit suggestiven Erhellungsmetaphern ihren Kritikern von vornherein erschwerten, Einwände zu erheben.[i]

„Allegorisches Blatt zum Zeitalter der Aufklärung“ von Daniel Nikolaus Chodowiecki, Göttingen, 1791 © Deutsches Historisches Museum

Dabei steht das friedliche Bild in starkem Kontrast zu den zeitgleichen Zuständen im Nachbarland Frankreich, in dem nur zwei Jahre zuvor die Revolutionäre das Herrschaftssymbol des Bastille-Gefängnisses gestürmt und bald darauf ihren Monarchen gestürzt hatten. Obwohl die Aufklärung von Zeitgenossen und Folgegenerationen von Vorstellungen von Gelehrtenzirkeln, bürgerlichem Theater oder Salons geprägt sein mag – die Epoche war mindestens so sehr von Kämpfen um Bürgerrechte und politische Freiheit gezeichnet.

Die Verhaftung und spätere Enthauptung Ludwigs XVI. erlebte ein prominenter Vertreter der Aufklärung nicht mehr: Mit dem französischen König hatte der in Boston geborene Benjamin Franklin (1706-1790), dessen Porträtbüste neben denen anderer bedeutender Aufklärer*innen gleich zu Beginn der Sonderausstellung zu sehen ist, ein gutes Jahrzehnt früher zu tun. Im Zuge der Unabhängigkeitserklärung der 13 britischen Kolonien Nordamerikas am 4. Juli 1776 war es der US-Gesandte Franklin gewesen, der 1778 mit dem Traité d’alliance franco-américaine das Bündnis zwischen USA und Frankreich beschlossen hatte – ein politisches Signal Ludwigs XVI. an den britischen König mit hohem Risikofaktor, eine de facto Kriegserklärung.

Vitrinen-Regal mit Porträtbüsten; v.l.n.r., oben: Johann Joachim Winckelmann, Moses Mendelssohn, Voltaire; Mitte: Christian Wolff, Benjamin Franklin, Denis Diderot, Dorothea von Rodde-Schlözer, Jean-Jacques Rousseau; unten: Immanuel Kant, Johann Gottfried Herder © Deutsches Historisches Museum, Foto: David von Becker

Der Fließtext der Unabhängigkeitserklärung bezichtigt den britischen Monarchen, „der als Herrscher über ein freies Volk ungeeignet ist“[ii] der Tyrannei und stellt die Vereinigten Staaten von Amerika als zukünftige demokratische Republik vor. Obwohl sich der französische König bei offizieller Anerkennung der USA der Bedrohungen durch die aufklärerischen Freiheitsforderungen und Gleichheitsideale dieser Revolutionäre bewusst war, überwog im langwierigen Entscheidungsprozess um das Abkommen von 1778 für ihn die Rivalität mit dem britischen Herrscher.

In der Declaration of Independence, zu dessen Autoren auch Franklin gehörte (die jedoch maßgeblich vom späteren Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, verfasst wurde) spiegeln sich Leitgedanken der schon damals hochangesehenen Philosophen Montesquieu, Rousseau und Locke: Ihre soziopolitischen Konzepte des Naturrechts, der inhärenten Gleichheit aller Menschen sowie der demokratischen Staatsorganisation beeinflussten die sogenannten „founding fathers“ der Vereinigten Staaten nachweislich.

Eine von drei erhaltenen deutschen Übersetzungen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung durch Charles Cist (1738-1805), die bereits wenige Tage nach Unterzeichnung des Dokuments am 4.7.1776 in Philadelphia veröffentlicht wurde © Deutsches Historisches Museum, Foto: Sebastian Ahlers / Indra Desnica

In „Was ist Aufklärung?“ wird eine aus Philadelphia stammende deutsche Übersetzung der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ausgestellt. Darüber hängt ein handschriftlicher, kleinformatiger Auszug aus Thomas Jeffersons Farm Book, welcherdie Namen der Versklavten, die auf seinem Anwesen Monticello zur Arbeit gezwungen wurden, listet. Es zeigt sich in dieser Gegenüberstellung, wie auch an mehreren Stellen der Ausstellung deutlich: Die Idee der Freiheit und Gleichheit der Menschen qua Geburt galt nicht für alle, sondern für einen privilegierten Teil der (Welt-)Bevölkerung.

In der Ausstellung „Was ist Aufklärung?“ werden US-Unabhängigkeitserklärung und Jeffersons Farm Book-Seite gemeinsam präsentiert © Deutsches Historisches Museum, Foto: David von Becker

Im Gegensatz zu den britischen (Glorious Revolution von 1688/89) und amerikanischen Revolutionen markierte die französische Revolution eine „dramatische Zäsur im Bewusstsein ihrer Zeitgenossen.“[iii] Der Revolutionsverlauf in Frankreich, der im grande terreur und einer Diktatur gipfelte, stellte die Ansprüche der Aufklärer auf politische Freiheit und ihre Theorien über die Gleichheit der Menschen in unvorteilhaftem Licht dar.

Zudem hatte die französische Menschen- und Bürgerrechtserklärung von 1789 genauso mit dem Vorwurf „blinder Flecken“ oder sogar vorsätzlicher Exklusion von bestimmten Bevölkerungsteilen zu kämpfen. So kam es, dass eine uneheliche Tochter einer Wäscherin als junge Witwe nach Paris zieht, sich der Revolution anschließt und 1791 ihre feministische Umdeutung, nämlich die „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“ veröffentlicht: Olympe de Gouges erreichte mit unermüdlichem Kampfgeist nachweisbare Besserungen in der Behandlung von Frauen vor dem französischen Staat,[iv] konnte aber wegen ihrer Inhaftierung und späteren Hinrichtung kaum etwas davon erleben.

Soviel zur Epoche der Vernunft – sie war nun einmal facettenreich und widersprüchlich wie kaum ein Zeitalter zuvor. Einerseits brachte das Jahrhundert eine feministische Ikone wie de Gouges, die ihre Fähigkeit zu lesen und zu schreiben in den Dienst des Kampfes um die Gleichberechtigung der Geschlechter stellte, überhaupt hervor.[v] Andererseits bezahlte sie dafür mit ihrem Leben.


[i] Vgl. Fulda, Daniel: „Zur Klärung eines Begriffs, der Vorgriff und Rückgriff zugleich ist“, in: Raphael Gross und Liliane Weissberg (Hrsg.): Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert. Berlin 2024: S. 31.

[ii] Heute gängige Übersetzung der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika, https://usa.usembassy.de/etexts/gov/unabhaengigkeit.pdf

[iii] Meyer, Annette: Die Epoche der Aufklärung, 2. Aufl. Berlin 2018: S. 205.

[iv] Vgl. Kuhn, Axel: Die Französische Revolution, Stuttgart 2011: S. 84-85.

[v] Vgl. Stokowski, Margarete: „Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit“, in: De Gouges, Olympe: Die Rechte der Frau und andere Texte: Stuttgart 2022, S. 70-78: S. 73.

Harriet Merrow

Harriet Merrow ist die Projektassistentin am Deutschen Historischen Museum für die Ausstellung „Was ist Aufklärung? Fragen an das 18. Jahrhundert”.