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Die documenta verdankt ihren Aufstieg zur erfolgreichsten deutschen Kunstausstellung nicht zuletzt der politischen Dimension: der Absetzung vom Nationalsozialismus und der Blockbildung im Kalten Krieg. Sie versuchte sich zwar von der NS-Kulturpolitik abzugrenzen, verweigerte sich aber einer offenen Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Zugleich bedeutete die politisch motivierte Westorientierung eine entschiedene Distanzierung vom sozialistischen Kunstbegriff des „Ostblocks”.

Das Deutsche Historische Museum zeigt mit „documenta. Politik und Kunst”
(18. Juni 2021 – 9. Januar 2022)
die erste Ausstellung, die anhand der berühmten Kassler Großausstellung die vielfältigen Wechselwirkungen von Politik und Kunst in der bundesrepublikanischen Gesellschaft nach 1945 in den Blick nimmt.

Prof. Dr. Raphael Gross, Präsident der Stiftung Deutsches Historisches Museum: „Die documenta ist stets weit mehr als eine glänzende Kunstschau gewesen. Mit ihr stieg die bis 1945 verfemte Moderne zur Lieblingsepoche der jungen Bundesrepublik auf. Die moderne Kunst diente den frühen Machern der documenta als willkommene Abgrenzung von der NS-Vergangenheit. Dabei gibt es auch Kontinuitäten: Der Historiker Carlo Gentile zeigt etwa Verstrickungen Werner Haftmanns – einer der Schlüsselfiguren der frühen documenta – in Kriegsverbrechen im Sommer 1944. Werke ermordeter jüdischer Künstlerinnen und Künstler hatten nicht zufällig in dem von Haftmann inszenierten Bild der Moderne keinen Platz. Mit unserer Ausstellung vollziehen wir jetzt erstmals systematisch nach, wie mit Kunst auf der documenta Politik gemacht wurde. Damit eröffnen wir, so hoffe ich, eine neue Perspektive auf die Geschichte der Bundesrepublik.“

Prof. Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien: „Am Beispiel der documenta thematisiert diese wichtige Ausstellung gesellschaftliche Beharrungskräfte in der Bundesrepublik Deutschland und die Bedeutung personeller Kontinuitäten zum Nationalsozialismus nach 1945. Dieser Blick hinter die Kulissen zeigt, dass die Aufarbeitung der NS-Belastung im Führungspersonal deutscher Kulturinstitutionen eine herausragende Aufgabe der Erinnerungspolitik bleibt. Zu diesem Zweck habe ich eine umfassende Erhebung über die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und ihrer Nachwirkungen für die durch die BKM dauerhaft geförderten Kultureinrichtungen initiiert, die das DHM unter wissenschaftlicher Betreuung von Herrn Prof. Dr. Michael Wildt in die Wege geleitet hat.“

Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes: „Als langjährige Förderer der documenta in Kassel begrüßen wir, wie das Deutsche Historische Museum die politische Geschichte der wichtigsten Kunstausstellung in Deutschland aufarbeitet. Das Ausstellungprojekt wirft endlich Licht auf bislang unbekannte NS-Verstrickungen der Gründungsjahre und zeigt, dass der ‚Mythos documenta‘ von der ersten bis zur zehnten Ausgabe immer auch von geopolitischen Interessen in der deutschen Nachkriegsgeschichte geprägt war.“

Die Kuratorinnen und Kuratoren Dr. Lars Bang Larsen, Prof. Dr. Julia Voss und Prof. Dr. Dorothee Wierling: „Mit jeder documenta gingen Versprechen einher, die nicht gehalten wurden, aber bei der nächsten documenta mit umso größerem Nachdruck eingefordert wurden. Wegen dieser Dynamik hat sie nie aufgehört ein Politikum zu sein, im Spannungsfeld wettstreitender Kräfte.“

Seit ihrer Gründung 1955 war die international orientierte Großausstellung ein Ort, an dem das westdeutsche Selbstverständnis verhandelt wurde. Seitdem erhoben die Macherinnen und Macher alle vier, später fünf Jahre den Anspruch, Einblicke in aktuelle künstlerische Tendenzen zu geben. Das Deutsche Historische Museum stellt die Geschichte der ersten bis zehnten documenta erstmals in den Kontext der politischen, kultur- und gesellschaftsgeschichtlichen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1955 und 1997. Kunstwerke, Filme, Dokumente, Plakate, Oral-History-Interviews und andere kulturhistorische Originalzeugnisse illustrieren über zwei Ausstellungsetagen, wie die documenta als Kunstereignis und zugleich als historischer Ort politisch-sozialen Wandel kommentiert, einfordert und widerspiegelt. Die Museumsgäste begegnen dabei berühmten documenta-Exponaten aus fünfzehn Ländern (wieder) – unter anderem von Joseph Beuys, den Guerrilla Girls, Hans Haacke, Beryl Korot, Séraphine Louis, Wolfgang Mattheuer, Jackson Pollock, Emy Roeder, Klaus Staeck, Komar & Melamid, Andy Warhol oder Fritz Winter.

Wie die frühen documenta-Macher die Kunstgeschichte umschrieben

Seit 1955 präsentierte sich dem documenta-Publikum mit der künstlerischen „Moderne” eine Epoche, die in Deutschland zwischen 1933 und 1945 als „entartet“ gegolten hatte. Das Programm, mit dem sich die Bundesrepublik ihren westlichen Partnern hier empfahl, speiste sich aus einer Vergangenheit, die man vorgab, überwinden zu wollen. Dabei war fast die Hälfte derjenigen, die an der Organisation der ersten documenta mitwirkten, Mitglied von NSDAP, SA oder SS gewesen. Zu ihnen zählte auch der Kunsthistoriker, wissenschaftliche Berater und Kurator Werner Haftmann. Wie erst vor wenigen Tagen durch den Historiker Carlo Gentile öffentlich bekannt wurde, erhielt Haftmann für seinen Einsatz bei einer „Bandenjagdkompanie" 1944 in Italien das Eiserne Kreuz 2. Klasse. 1946 wurde er als Kriegsverbrecher von den italienischen Behörden gesucht. Diesen Teil seiner Biografie verschwieg der Ideengeber der documenta 1–4 lebenslang, wie auch seine NSDAP-Mitgliedschaft.

Werke von ermordeten jüdischen, emigrierten oder kommunistischen Künstlerinnen und Künstler waren in Kassel hingegen nicht vertreten, stattdessen wurde der Antisemit Emil Nolde von Haftmann zum Künstler in der „inneren Emigration” verklärt. Für die Opfer von Verfolgung, Krieg und Massenmord schien kein Platz in der Erzählung vom vermeintlichen Neuanfang der nur scheinbar entpolitisierten Kunst der jungen Bundesrepublik. Die Werke des jüdischen Künstlers Rudolf Levy verweisen in der Ausstellung auf diese erinnerungspolitisch wirksame Leerstelle der frühen documenta-Jahre.

Die documenta als politische Bühne im Ost-West-Konflikt

Die documenta war eng an das politische Programm der Bundesrepublik der 1950er und 1960er Jahre gebunden. Sie spiegelte die Spannungen des Kalten Kriegs wider. Die ehemals diffamierte moderne Kunst stieg dank beträchtlicher staatlicher Förderung und Indienstnahme von Seiten der Politik zur Staatskunst und damit zum Mittel der Anbindung an den „Westen” auf. Gerichtet war die Großveranstaltung in „Zonenrandlage” zwar auch an ein ostdeutsches Publikum, ostdeutsche Kunst blieb jedoch unerwünscht. Ab der documenta 2 im Jahr 1959 galt die Abstraktion als Königsstil zeitgenössischer Kunst und Inbegriff universeller künstlerischer Freiheit, während der sozialistische Realismus zur linientreuen Nicht-Kunst des „Ostens” erklärt wurde. Erst in den 1970er Jahren rückten im Zuge von Willy Brandts neuer „Ostpolitik” ostdeutsche und osteuropäische Künstlerinnen und Künstler in den Blick.

Die documenta machte Karriere als internationales Großereignis mit Festivalcharakter, bevölkert von jungen Menschen, die vor Ort mit Künstlerinnen und Künstlern diskutierten. Der Bildungsboom der 1960er Jahre trug maßgeblich zu ihrem Erfolg bei. In bildungsbürgerlichen Teilen des Publikums sorgte sie verlässlich für Irritationen bis hin zu Gegendemonstrationen. Die Marke „documenta” stieg in den folgenden Jahrzehnten endgültig zum Modell eines ebenso populären wie wirtschaftlich orientierten Kunstevents in einer globalisierten (Kunst-) Welt auf. Sie war immer wieder auch eine Plattform für politischem Aktivismus, wie nicht nur die feministische Künstlerinnengruppe Guerrilla Girls 1987 auf der documenta 8 eindrucksvoll bewies.

Die Ausstellung schließt mit drei neuen Arbeiten von Loretta Fahrenholz, die aus ihrer künstlerischen Recherche über die documenta eigens für die Ausstellung entstanden sind: der Siebdruckserie „We-Wolf”, dem Film „documenta Dream” und der Performance „A Way of Turning”. Indem das letzte Wort einer Künstlerin erteilt wird, bleibt die Auseinandersetzung mit der sich fortschreibenden Geschichte der documenta für neue Sichtweisen offen.

Die Ausstellung ist inklusiv und weitgehend barrierefrei: Ein taktiles Bodenleitsystem, Gebärdensprachvideos, Ausstellungstexte in Braille, kontrastreicher Großschrift und Leichter Sprache sind Teil der Ausstellungsgestaltung. Inklusive Kommunikations-Stationen, die jeweils mindestens zwei Sinne ansprechen, laden zu einem partizipativen Einstieg in die Themenbereiche ein.

Im Prestel Verlag erscheint eine begleitende Publikation in deutscher und englischer Sprache (328 Seiten, 200 farbige Abbildungen, 36 €).

Das neue digitale DHM-Format MORE STORY führt auf Deutsch und Englisch in die Themen der Ausstellung ein und bietet darüber hinausführend zusätzliche Inhalte.